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EM im TV: Wer zuletzt jubelt…

on 2012-06-13, 19:09
Das "Überallfernsehen" genannte DVB-T ist praktisch: Einfach die Stabantenne an den Fernseher gesteckt, Strom per Kabeltrommel aus dem Haus geholt und los geht das Public Viewing mit den Nachbarn. Zu dumm nur, wenn sich nicht alle Leute aus der nahen Umgebung daran beteiligen: Wer lieber auf der eigenen Couch dem Fußball-Event frönt, jubelt beim Tor oft deutlich früher als die Fangemeinde unten im Garten. Die Couchpotatoes haben Kabel- oder Satellitenfernsehen und damit einige Sekunden Jubelvorteil gegenüber DVB-T. Allerdings nicht immer: Auch HD-Gucker müssen manchmal laaange warten, bis der Elfer im Kasten ist.

Doch woher kommt überhaupt der ganze Zeitverzug? Die Fernsehsignale werden auf ihrem Weg zum Sender mehrfach moduliert und komprimiert, für die Ausstrahlung beim Sender kodiert, übertragen und schließlich beim Empfänger dekodiert. Geht man davon aus, dass die Signale aus Polen und der Ukraine in Full-HD 1080i übertragen werden, müssen die Sendeanstalten von ARD und ZDF diese zudem in das kleinere HD-Format 720p beziehungsweise in die PAL-Standardauflösung konvertieren. Die Einspeisung ins Kabelnetz und die Verteilung über DVB-T-Sendemasten nimmt wieder Sekunden in Anspruch. Weitere Laufzeitunterschiede können durch eine Verschlüsselung der HD-Signale im Kabelnetz entstehen – was bei den öffentlich-rechtlichen Sendern aber nicht der Fall ist.

Das Ganze addiert sich am Ende auf etliche Sekunden – von denen die Fernsehzuschauer allerdings nur die Unterschiede zwischen den Empfangswegen bemerken. Der HD-Empfang per Satellitenschüssel sollte normalerweise die geringsten Verzögerungen bescheren. Theoretisch zumindest. Doch die Laufzeitunterschiede sind je nach Sendung unterschiedlich, sie hängen auch von der beim Sender verwendeten Technik ab.

Wir haben uns in den letzten Tagen einige Begegnungen wie die eher langweilige zwischen England und Frankreich durch kurzweilige Messungen im Display-Labor "versüßt". Die Fernsehsignale kamen dabei über das Kabelnetz von Kabel Deutschland oder über den Astra-Satelliten (19,2° Ost), und der nahegelegene Telemax sendet das terrestrische DVB-T-Signal. Als Probanden kamen einige Geräte aus dem letzten TV-Test in c't 13/12 zum Zuge. Die genannten Zeitversätze gelten natürlich nur für die genannte Empfangskonstellation; in Baden Würtemberg (Kabel BW) können die Latenzen beispielsweise anders ausfallen.

Die Spiele der Gruppe D wurden am Montag vom ZDF übertragen. Dabei hatte das HD-Kabelsignal während der Fußballübertragung eine Sekunde Vorsprung vor dem Satellitensignal. Das Kabelsignal in Standardauflösung hinkte der Satellitenübertragung des ZDF dagegen stets eine knappe Sekunde hinterher. Das Überallfernsehen DVB-T erreichte die Zuschauer nur unwesentlich später als das Kabelsignal. Mit einem Zeitverzug von über 4 Sekunden war das analoge Kabelsignal im ZDF weit abgeschlagen – noch zur WM 2006 hatte man auf diesem (analogen) Weg klare Zeitvorteile gegenüber allen anderen Empfangsmöglichkeiten. Möglicherweise rächt sich hier die – vorbildliche – Totalumstellung des ZDF auf Digitaltechnik. Die analogen Signale werden hier offenbar nicht per Direkteinspeisung gewonnen, sondern aus digitalen Satellitendaten gewandelt.

Ganz anders war das Jubelecho beim gestrigen Spiel der Gruppe A: Bei der spannenden Auseinandersetzung von Gastgeber Polen mit Erzrivale Russland konnten ausgerechnet diejenigen Fans zuerst jubeln, die noch die alte Analogtechnik nutzen. Die Kabelkunden waren um 1 bis 2 Sekunden im Zeitverzug, am längsten mussten diejenigen Zuschauer auf das erlösende Tor von Jakub "Kuba" Blaszczykowski warten, die das Fußballspiel per Satellit in HD-Auflösung empfingen. Nutzer des Überallfernsehens DVB-T saßen hier wie bei der ARD in der vorletzten Reihe. Als wir tagsüber den DVB-T-Empfang mit der analogen Zuspielung verglichen, eilte der alte Analog-Empfang dem Überallfernsehen übrigens deutlich voraus – die dann gezeigten Sendungen wurden allerdings weder in HD aufgezeichnet noch übertragen.

Noch weiter abgeschlagen sind unabhängig vom TV-Sender diejenigen Zuschauer, die die Spiele am Handy verfolgen: Der UMTS-Datenstrom wird gepuffert, damit er bei einer kleinen Schwankung nicht sofort abreißt. Von "live" kann da eigentlich keine Rede mehr sein. Doch als Überbrückung bis zur Ankunft beim Public Viewing taugt das Handy-Streaming allemal.

Quelle: heise.de

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